Gedanken zu Pferden

Das Leugnen von Missständen in der Pferdewelt – ein Aufruf zu Verantwortung, Mitgefühl und achtsamem Handeln

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02/08/2017

Leugnen ist die Weigerung, die Wahrheit oder Wirklichkeit von etwas zuzugeben. Dies geschieht häufig in engem Zusammenhang mit allen Formen von Missbrauch Hand in Hand mit dem Herunterspielen, Rationalisieren und Ablenken von Ereignissen. Nicht anders ist es, wenn es um Tiere geht und in diesem Fall Pferde.

Wir alle wissen oder haben über Missbrauch gehört, der hinter verschlossenen Türen geschieht. Aber was ist, wenn es in der Öffentlichkeit vor unserer aller Augen passiert, und die Beteiligten und Verantwortlichen, wenn sie damit konfrontiert werden, anstatt Verantwortung zu übernehmen und Ordnung zu schaffen, dies leugnen und herunterspielen und denjenigen, die sich dagegen aussprechen, mit Ausgrenzung und Spott begegnen.

Ich versuche normalerweise, meine Beiträge positiv und bereichernd in Bezug auf Möglichkeiten zu halten, um unsere Beziehungen zu Pferden zu verändern und zu verbessern und die Dinge für die Pferde in unserer Obhut zu verbessern. Denn warum sind denn die meisten von uns eigentlich mit Pferden: es ist die Verbindung und die Liebe zu Pferden zusammen mit der Freude und Zufriedenheit, die sie trotz all der harten Arbeit bringen. Mein eigener Fokus liegt auf dem Verständnis des Pferdeverhaltens und der Anwendung dieses Verständnisses in der Praxis; der Bedeutung der Betrachtung der Anatomie und der Biomechanik und der Entwicklung beim Training und Reiten von Pferden egal in welcher Disziplin – die mit den Lehren der klassischen Dressur verbunden sind; den weicheren Aspekten wie Gefühl, Intuition, Körperbewusstsein, Präsenz, Energie und Achtsamkeit in unseren Verbindungen und Beziehungen; dem Schaffen einer insgesamt positiven (Lern-) Umgebung für Menschen und Pferde, in der sie mit Freude gedeihen können.

Allerdings gibt es Momente, in denen man sich zu Wort melden und zu den hässlichen Dingen Stellung nehmen muss. In den vergangenen zwei Wochen kamen einige unschöne Fälle im Kontext internationaler Turniere dank der beteiligten Journalisten ins Licht der Öffentlichkeit. Was mich an diesen am meisten beschäftigt und beunruhigt, ist, dass sie alle von den beteiligten Parteien und Verantwortlichen geleugnet und heruntergespielt wurden.

Es war vor etwa zwei Wochen als ich über die Überschrift stolperte „The Blood Rule hast o change“ (Die Blood Rule muss geändert werden). Der Hintergrund dazu: Ein olympischer Goldmedaillengewinner wurde von einem Springen disqualifiziert, nachdem Blutspuren an den Flanken seines Pferdes gefunden wurden.

Die FEI-Regel in dieser Angelegenheit ist sehr klar: Pferde, die an der Flanke, im Mund oder in der Nase bluten, oder Kratzer aufweisen, die auf eine übermäßige Verwendung von Sporen oder der Peitsche auf dem Pferd hindeuten, führen zu einer obligatorischen Disqualifikation (Artikel 242.3.1 der FEI Jumping Rules).

Dass der Einsatz von Sporen in dieser Sportart dazu führt, dass ein Pferd verletzt wird, ist aus Sicht des Tierwohls schlimm genug. Jedoch beunruhigender waren die Reaktionen der beteiligten Personen. Es wurde keinerlei Verantwortung übernommen; Stattdessen gab es einen Aufschrei darüber, wie unfair die Entscheidung sei, und sie wurde als etwas Geringfügiges heruntergespielt nebst Aufforderungen zur Änderung der Vorschrift, begleitet von dramatischen Erklärungen, dass man der ultimative Tier-Liebhaber sei, dem das Wohl des Pferdes über alles geht.

In der Zwischenzeit findet man den Vorschlag einer Revision der oben genannten Vorschrift auf der Website der FEI, die das Hinzufügen eines neuen Artikels 241.3.30 umfasst, der die Elimination zur Folge hat und lautet: „Blut an der/den Flanke(n) des Pferdes verursacht durch das Bein des Athleten NB: Bei geringen Fällen von Blut an der Flanke, wie im Jumping Stewards Manual beschrieben, erfolgt keine Elimination“. Der ursprüngliche Artikel 242.3.1 wird außerdem um „als Folge der übermäßigen Verwendung von Sporen“ im Falle von Kratzern und / oder Blut an der/den Flanke(n) ergänzt. Dies verleiht mehr Spielraum zum Nachteil des Pferdes als zuvor, „Pferde, die an der Flanke bluten“ oder „Kratzer, die auf übermäßigen Gebrauch von Sporen hinweisen“, was ausreichte, um eine Disqualifizierung zu rechtfertigen. (Und nein, leider ist dies kein Scherz.)

Danach fand das internationale Turnier in Falsterbo in Schweden statt. Auf der Facebook-Seite von Epona.tv konnte man einen Eindruck vom Abreiteplatz der Dressur gewinnen, bis diese von den Veranstaltern in Polizeibegleitung des Turniers verwiesen wurden (die komplette Geschichte kann man auf ihrer Facebook-Seite nachverfolgen). Das Material ist milde ausgedrückt hässlich: Rollkur und „moderne“ Dressur in Bestform.

Und dann war da noch Aachen in Deutschland, wo ein öffentlich-rechtlicher Rundfunksender einen Fernsehbeitrag sowie auch einen Artikel mit Videoausschnitten veröffentlichte, die ebenfalls Aufnahmen vom Abreiteplatz zeigten und von Experten kommentiert wurden, die diese Form des Reitens als missbräuchlich und tierschutzrelevant bezeichneten. Zu sehen sind sehr eng gerittene Pferde, sehr deutlich hinter der Senkrechten und definitiv nicht im Einklang mit den Grundsätzen der klassischen Dressur und unter Missachtung der wissenschaftlichen Beweise über die Auswirkungen und Folgen einer solchen Reitweise – für das Pferd.

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) reagierte und distanzierte sich von der Kritik, die besagt, dass in dem Videomaterial aggressives Reiten und eine Zwangshaltung, die durch Krafteinwirkung hervorgerufen wird, nicht zu beobachten seien; und dass hier zwar in Teilen unschönes Reiten gezeigt wird, jedoch keine Tierschutzwidrigkeit.

Weitere Unterstützung kam von der Zeitschrift St. Georg, die den Beitrag als „Quotenheischen“ auf der Suche nach Einschaltquoten bezeichnete und wohl die Kompetenz der in dem ursprünglichen Beitrag genannten Wissenschaftler, Tierärzte und Pferdeleute anzweifelte. Es hieß außerdem, dass die Dinge in den vergangenen Jahren besser geworden seien.

Nun, wenn es tatsächlich besser geworden ist und wir immer noch diese Art von Bildern zu sehen bekommen, ist es immer noch nicht gut genug, weit weg von pferdefreundlich und dem Wohlbefinden der Pferde dienlich.

In Bezug auf Rollkur oder das Reiten mit dem Kopf des Pferdes deutlich hinter der Senkrechten benötige ich lediglich eine Mischung aus gesundem Menschenverstand, Kenntnissen und Wissen über Anatomie und Biomechanik des Pferdes und des Pferdes unter dem Sattel sowie über die Ausbildung von Pferden mit ihrer Anatomie und gesunden Entwicklung zum Ziel sowie Gefühl, Mitgefühl und Empathie, um zu sehen, dass hier etwas falsch läuft. Wenn das noch nicht ausreicht, kann ich auf die Wissenschaft zurückgreifen. Eine Meta-Analyse identifizierte 55 Artikel, die sich mit den Auswirkungen der Pferde-Kopf- und Hals-Haltungen auf Aspekte des Wohlbefindens und / oder der Gymnastizierung wie Kinematik, Muskelaktivität, Auswirkungen auf die Atemwege oder Arbeitsbelastung insgesamt befassen (Hyperflexing horses’ necks – meta-analysis and cost-benefit evaluation). Die signifikante Mehrheit der Studien (88 %) zeigte, dass sich eine übermäßig gebogene Kopf- und Halshaltung negativ auf das Wohlergehen auswirkt. Gründe der Beeinträchtigung des Wohlbefindens waren eingeschränkte Atmung, pathologische Veränderungen in den Strukturen des Halses, beeinträchtigte Vorwärtssicht und Stress und Schmerzen aufgrund dieser Faktoren sowie die Reiterintervention, die notwendig sind, um die Haltung zu erreichen.

Das sind nur einige Beispiele. Ähnliche und andere Fälle passieren ständig. Was dabei gleich bleibt und mich am meisten beunruhigt, ist, dass die beteiligten Personen nicht die Verantwortung für ihre Handlungen übernehmen, sondern ihre Liebe und Sorge für ihre Pferde preisen und wie unfair und ungerechtfertigt die Kritiker sind.

Dies zeigt eine gewisse Haltung, die von sehr wenig tatsächlicher Fürsorge für die beteiligten Pferde spricht und gewiss ist es eine seltsame Art von „Liebe“ für Pferde. Die Pferde, auf deren Rücken die Beteiligten ihre Erfolge gewinnen. Es scheint, dass diese Liebe leicht wegen des Geldes, des äußeren Erfolgs und des kurzfristigen Gewinns geopfert wird. Weit mehr Respekt und Hoffnung könnte man beibehalten, wenn Reiter und andere Beteiligte Entscheidungen über die Disqualifikation aus Tierschutzgründen mit Würde akzeptieren, Dinge, die nicht richtig sind, erkennen und die Verantwortung für das übernehmen würden, was dem Pferd zugefügt wird, und an Verbesserungen zum Nutzen des Pferdes zu arbeiten, anstatt Regeln auszuweichen und Ausreden zu erfinden.

Die Missstände, missbräuchliches Training und Umgang sind nicht auf eine bestimmte Reitweise und auf internationales Niveau beschränkt. Sie sind natürlich auch nicht auf Berufsreiter beschränkt, jedoch sind sie diejenigen, die im Rampenlicht stehen, die eine Vorbildfunktion und daher deutlich weitreichendere Auswirkungen und Einfluss haben.

Jedes internationale Turnier, das ich in den letzten Jahren besuchte, präsentierte hässliche Bilder am Abreiteplatz. Es gab keinen Ort, an dem keine Formen missbräuchlichen Reitens zu sehen war.

So erinnere ich mich auch, um in einen anderen Bereich zu blicken, an eine Demonstration eines weltweit bekannten Natural Horsemanship Trainer in einer großen Reithalle vor einem weiten Publikum. Ein „Problempferd“ wurde von seinem Amateurreiter präsentiert. Meines Erachtens war mit diesem Pferd nicht viel falsch außer ein bisschen Verwirrung über die Grenzen innerhalb der Pferd-Mensch-Beziehung, aber nichts Großes, kein „gefährliches“ Verhalten. Was folgte, war schwer anzuschauen. Den Versuch, die „Grenzen“ zu etablieren, antwortete das Pferd, indem es wie wahnsinnig leckte und kaute und signalisierte, dass es genug sei, dass es nicht verstand und dass es Zeit brauchte, um das Passierende zu verarbeiten. Aber dem Pferd wurde nicht zugehört, stattdessen ging die Session mit noch mehr Druck und kontinuierlicher Reizüberflutung (Flooding) weiter, was schließlich – nach einem beträchtlichen Zeitraum – zum Steigen des Pferdes führte, das keinen anderen Ausweg sah. Es stieg einige weitere Male und kurz darauf wurde die Session beendet, mit der Mitteilung, dass das Pferd jetzt seine Lektion gelernt habe.

Bei dieser Demonstration war ich in der Gesellschaft von Profis: einem Pferdetierarzt, einer Sportpferdezüchterin, einem professionellen Springreiter und einer Mitarbeitern eines Equine College. Ihnen hatte die Vorstellung gefallen. Und als ich meine Bedenken über das äußerte, was ich gesehen hatte, wurde mir gesagt, dass ich „nicht verstanden habe, was er tat“. Richtig. Es ist wahr. Bis heute verstehe ich nicht, warum dieser Trainer auf diese Weise handelte, außer zum Zwecke von Show und Unterhaltung. Warum er glaubte, dass es notwendig ist, mit so viel mentalem Druck und Kraft mit einem Pferd zu arbeiten, das versucht zu verstehen, was es tun soll und zu lernen, und dies auch äußert, übersteigt mein Verständnis vollkommen. Aber natürlich, *Ironie an* wie kann ich mir anmaßen, dieses hochentwickelte Niveau ethischer und sanfter Pferdeausbildung zu verstehen zu glauben *Ironie aus*.

Die Liste geht weiter und erfasst alle Reitweisen und alle Ebenen. Meine Frage in all dem bleibt: Wie können Menschen, die sich als Pferdeliebhaber bezeichnen, und die ohne Zweifel über jahrelange, wenn nicht gar lebenslange umfangreiche Kenntnisse und Erfahrungen im Umgang mit Pferden verfügen, glauben, dass dieser Grad des Drucks akzeptabel oder sogar notwendig ist? Warum sehen und / oder fühlen sie nicht? Ist es Unwissenheit? Reiner Mangel an Bewusstheit? Oder sind Ego, Eigennutz und Gier die Aspekte, die Mitgefühl und die Berücksichtigung des Wohlbefindens der Pferde aufheben? Eines ist sicher: es grassiert, und diejenigen, die sich dagegen aussprechen, müssen damit rechnen, dass sie belächelt, ausgegrenzt oder ihre Qualifikation angezweifelt und herabgesetzt wird.

Wir dürfen nicht vergessen, dass Pferde in der Regel nicht nach ihrer Meinung gefragt werden, an unseren Aktivitäten teilzunehmen. Das Pferd hat kaum eine andere Wahl, als sich unseren Wünschen zu unterwerfen und zu gehorchen. Allein aus diesem Grund müssen wir ein zusätzliches Maß an Sorgfalt und Fürsorge anwenden. Und wenn wir das Niveau dieses Schutzes lockern oder vernachlässigen, wird es immer das Pferd sein, das darunter leidet.

Es scheint, dass – wenngleich unsere Welt auf technologischer Ebene weiter fortgeschritten ist als je zuvor – unser Fortschritt, wenn es um Mitgefühl und Empathie geht, nicht mithalten kann. Ich bin sicher, dass es viele und komplexe Gründe dafür gibt und viele Menschen, die ein besseres Verständnis diesbezüglich haben als ich selbst. Ein Aspekt, der mir in dieser Hinsicht persönlich viel bedeutet, ist die Wiederherstellung unserer Abtrennung von der Natur und die Heilung der Abspaltungen in uns selbst, die uns davon abhalten, in unsere Intuition und Empfindsamkeit einzutauchen und uns volle Empathie und Mitgefühl mit uns selbst, anderen Menschen und anderen Arten und der natürlichen Welt insgesamt zu erlauben.

Wenn man anders als der gesellschaftliche Mainstream oder die herrschenden Kräfte agiert, kann es entmutigend und frustrierend sein, zu sehen, was um einen herum los ist. Wir können Gefühlen wie Ärger, Verzweiflung oder Hoffnungslosigkeit begegnen, dass wir nicht die Veränderung sehen, die wir uns wünschen. Allerdings müssen wir vorsichtig sein, damit solche Gefühle und Emotionen nicht überhandnehmen, da diese uns lediglich schwächen, aber weder uns noch den Pferden helfen.

„So wie sich die Wellen ausbreiten, wenn ein einziger Kieselstein ins Wasser gefallen ist, können die Handlungen einzelner Menschen weitreichende Wirkungen entfalten.“

– Dalai Lama

Mein Vorschlag ist nicht, sich abzuwenden, Scheuklappen aufzusetzen und sich zu verstecken, sondern sich auf die Dinge zu konzentrieren, die wir tun können, selbst wenn sie uns noch so klein und unbedeutend erscheinen – indem man als Vorbild vorangeht, stetig zeigt und teilt, was man in dieser Welt sehen möchten:

– lehren und bilden – sich selbst und andere

– sensibilisieren

– Position beziehen

– Sich zeigen

– Verantwortung übernehmen

– von einem inneren Ort der Präsenz, Vorurteilsfreiheit aus dem Herzen heraus handeln und auftreten

– Freundlich und achtsam sich selbst und anderen gegenüber – auch denjenigen gegenüber, deren Handlungen und Meinungen sich nicht mit unseren decken

 

 

Quellenangaben:

  • http://www.horseandhound.co.uk/news/blood-rule-change-top-british-rider-disqualified-625936?utm_content=manual&utm_campaign=socialflow&utm_source=facebook&utm_medium=social&utm_term=horseandhound
  • https://inside.fei.org/system/files/JumpRules%2BCHs-Games_Rules_26thEd_modifs-for-GA_2017.pdf
  • http://www1.wdr.de/wissen/natur/dressurreiten-rollkur-chio-100.html
  • http://www1.wdr.de/mediathek/av/video-dressurtraining-beim-chio-100.html
  • https://www.st-georg.de/news/dressur/wdr-quotentheischen-rollkur-bericht-chio-aachen-tierschutzwidrig/
  • https://www.researchgate.net/publication/293817612_Hyperflexing_horses’_necks_-_meta-analysis_and_cost-benefit_evaluation

 

Foto: (c) annaav – Fotolia.com #70181356

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