Gedanken zu Pferden

Es braucht die Zeit, die es braucht

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11/06/2017

White pony standing in meadow looking aside. Backlit by sun.

 

Einer unserer größten Mängel des modernen Lebens scheint fehlende Zeit zu sein, und dass Dinge eher gestern als morgen erledigt sein sollten. Vielleicht sollten wir wieder lernen und Wege finden, uns Zeit zu nehmen, sie zu genießen und ihren Wert zu schätzen – für unseren eigenen Nutzen und unser Wohlbefinden sowie für den Nutzen und das Wohlbefinden der Pferde und unser Umfeld.

Unser Zeitmangel und unser Drang, Fortschritte und Prozesse zu beschleunigen, ist auch in unseren Interaktionen mit Pferden zu beobachten. In der Zeit, in der ich aufgewachsen bin, kann ich mich nicht daran erinnern, dass Pferde so schnell fertig sein mussten und vorangetrieben wurden, wie dies heute der Fall ist. Es war ein Prinzip und ein Zeichen von gutem Horsemanship, das Pferd langsam und nach seinen individuellen Möglichkeiten zu entwickeln.

Wie wir brauchen sie Zeit, um körperlich und geistig zu reifen. Auf körperlicher Ebene kann es zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen und Schäden kommen, wenn wir Pferde zu schnell und zu früh beanspruchen, sei es, dass sie zu jung sind, oder dass sie eine Zeit lang nicht gearbeitet oder geritten wurden und wir nicht die Zeit investieren, um sie schrittweise aufzubauen. Auf geistiger Ebene nehmen wir Abkürzungen, wenn wir Pferden nicht ausreichende Zeit zum Lernen geben, sondern Druck und Zwang ausüben, die in Unterwerfung resultieren. Von außen kann es den Anschein haben, dass dies funktioniert, es wird jedoch nicht die Bindung und Harmonie herstellen, die viele von uns anstreben. Diese gründet auf tiefem Vertrauen, das durch Verlässlichkeit und Beständigkeit entwickelt wird, und die Möglichkeit für das Pferd, Dinge zu versuchen und zu lernen. Wenn wir Pferden das Ausprobieren, einschließlich Fehlern, und Lernmöglichkeiten und Erfahrungen gestatten, werden wir mit einem zuverlässigen und bereitwilligen Partner belohnt, der mit uns arbeitet, aber nicht seine eigene Persönlichkeit aufgegeben hat.

Oftmals ist unser Bedürfnis nach Eile und schnellem Ankommen nicht einmal nachvollziehbar und dient keinem bestimmten Zweck; insbesondere, wenn man seine Brötchen nicht in der Pferdewelt verdient. Bei rein privatem sportlichem Ehrgeiz kann man sich die Frage stellen, welcher treibende Faktor dahintersteht und welches Ziel langfristig höheres Gewicht hat – sportlicher Erfolg oder das Wohlergehen des Pferdes. Wir befinden uns nicht in einem Rennen, nicht in einem Wettbewerb und wir erhalten üblicherweise nichts von materiellem Wert für das schnellere Erreichen eines bestimmten Zieles (außer der Befriedigung unseres Egos) und dennoch scheint das Bedürfnis zu bestehen, ein ‚schwieriges‘ oder auch nicht so schwieriges Pferd besonders schnell zu verändern. Und je besser, d. h. je schneller, man dies tut, umso mehr Anerkennung und Wertschätzung erhält man als ‘Horseman’.

Nicht nur, dass ich mit diesem Vorgehen meine Probleme habe, ich verstehen die Gründe dahinter nicht – die Gründe, Zeit als ausschlaggebenden Messfaktor zu nutzen. Ich denke, es macht unser Leben mit Pferden schwieriger, da wir Probleme erschaffen, die es nicht gebe, hätten wir uns von Anfang an ausreichend Zeit genommen.

Möchten wir beispielsweise bestimmte Verhaltensweisen verändern, findet Zeit in meinem Plan keine bis sehr geringe Beachtung. Wenn es schnell geht. Wundervoll! Wenn es länger dauert. Ebenfalls wundervoll! Die benötigte Zeit sagt recht wenig über die Qualität der Arbeit aus. Wenn es für jemanden besonders schnell funktioniert, besteht immer die Möglichkeit, dass das Pferd mit zu viel Druck konfrontiert wurde und sich schließlich diesem unterworfen hat – oder es handelt sich um wirklich tolle Arbeit, aber wir sollten genau hinschauen. Jede Situation ist anders, jedes Pferd ist anders, der Hintergrund und die Erfahrungen jedes Pferdes sind anders, und ich als Ausbilder/Reiter bin anders.

Bestimmte ‘unerwünschte’ Verhaltensweisen sind Verhaltensweisen, die über einen bestimmten Zeitraum erlernt wurden und sich manifestiert haben. Warum machen wir uns zum Ziel, diese in nur wenigen Minuten komplett loszuwerden? Warum haben wir den Wunsch ein ‘Problem’, das seit Monaten oder sogar Jahren bestand, in Ultrageschwindigkeit zu lösen? Ist das (Neu)Erlernen nicht ebenfalls ein Prozess, der Zeit benötigt? Sind wir bescheiden genug, einen Schritt zurückzutreten – und zu einem späteren Zeitpunkt zurückzukommen – auch wenn das erreichte Ergebnis winzig und nach menschlichen Maßstäben kaum wahrnehmbar erscheint?

Natürlich möchten wir Ergebnisse sehen, und es sollte messbare Fortschritte geben, andernfalls muss ich die Herangehensweise an sich in Frage stellen. Jedoch habe ich Ausbilder erlebt, die darüber sprechen, dass Menschen nicht genug Zeit haben und sich nicht genug Zeit nehmen, um dann Beispiele ihrer eigenen Arbeit zu präsentieren, bei denen sie besonders hervorheben, wie schnell, d. h. in Minuten, sie das jeweilige Pferd verwandelt haben. Ist das nicht ein Widerspruch an sich? Dies mag schön und lobenswert sein und auch zeigen, dass der Ausbilder einen tollen Job macht (vorausgesetzt, es handelt sich um pferdegerechte Arbeit), aber darüber hinaus hat diese Information geringe Aussagekraft, denn wir wissen nicht, wie mit dem Pferd zuvor umgegangen wurde. Vielleicht war das Pferd von Menschen mit geringem Pferdeverstand umgeben und wurde komplett missverstanden. Gleichzeitig kann eine solche Information einerseits entmutigend wirken und andererseits Druck auf Lernende und andere ausüben, da es unserem Wesen entspricht, das gleiche anzustreben, um Anerkennung zu erhalten. Und wenn Erfolg damit gleichzusetzen ist, etwas sehr schnell zu erreichen, werden wir anstreben, es sehr schnell zu tun. Ich selbst muss den Nutzen für das Pferd darin erst noch finden. Auch ist mir klar, dass es Situationen gibt, in denen wir aus Sicherheitsgründen Druck ausüben und das Pferd schnell zu etwas bewegen müssen. In Trainingssituation haben wir jedoch normalerweise den Luxus, uns so viel Zeit zu nehmen wie wir möchten, und wir sollten viel öfter davon Gebrauch machen.

Wir sollten uns und den Pferden auch mal eine Pause gönnen. Es ist okay, das Ziel oder das Ergebnis oder ein anderes Resultat erst morgen oder übermorgen oder noch später zu erreichen. Solange wir dranbleiben, ist dies oft die bessere und nachhaltigere Option, da wir unsere Arbeit auf ein solides Fundament stützen, das uns niemand mehr nehmen kann, und dass alle künftige Arbeit beeinflusst. Wir sollten uns erlauben, uns die benötigte Zeit zu nehmen, und stolz auf die kleinen Schritte zu sein und diese zu genießen.

 

Picture: (c) ysbrandcosijn #154969456 Fotolia

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ISABELL FREUND
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Certified Equine Acupressure Practitioner