Gedanken zu Pferden

Der ‚dominante’ Führer: Und was sehen die Pferde?

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24/03/2017

Dominanz und Führung sind gebräuchliche Schlagwörter in der Pferdewelt, die Grundlage zahlreicher Konzepte zum Training und Umgang bilden und selten in Frage gestellt wurden. Doch die Zeiten ändern sich. In meinem Artikel „Kultur der Dominanz in der Pferdeausbildung” (http://eponasoul.org/?p=198&lang=de) hatte ich mich bereits zur Dominanz im Pferdetraining und den Irrtümern geäußert, denen einige Trainingsmethoden unterliegen.

Schauen wir mal, was die Wissenschaft außerdem zu sagen hat. Ein vor kurzem erschienener Artikel hat Dominanz und Führerschaft als nützliche Konzepte bei Ausbildung und Umgang mit Pferden in Frage gestellt und untersucht (vgl. Hartmann E, Christensen JW, McGreevy PD, Dominance and leadership: Useful concepts in human-horse interactions?, Journal of Equine Veterinary Science (2017), doi: 10.1016/j.jevs.2017.01.015).

Wenn wir Methoden der Pferdeausbildung auf die Dominanztheorie stützen, umfasst dies meist auch die Annahme, dass sich die sozialen Rollen von Pferden auf die Interaktion zwischen Menschen und Pferden übertragen lassen. Es wird erwartet, dass Pferde auf Menschen reagieren, wie sie auf andere Pferde reagieren würden. Beim Auftreten ‚unerwünschter Verhaltensweisen‘ wird das Pferd häufig als dominant bezeichnet, und damit als ein Pferd, das einen höheren Rang anstrebt.

Laut den Wissenschaftlern ist diese Herangehensweise stark vereinfacht, und sie bezeichneten Probleme wie Leugnung der Komplexität der Interaktionen zwischen Pferden und die Besonderheit ihres Zusammenhangs. Außerdem gibt es keinen Beweis dafür, dass Pferde Menschen als Teil ihres sozialen Systems wahrnehmen.

„Die Reaktionen von Pferden auf das Training sind wohl eher Ergebnis der Verstärkung, anstatt des Erreichens eines hohen sozialen Rangs und einer Führungsrolle durch den Menschen. Kenntnisse natürlicher Verhaltensweisen und des Lernverhaltens von Pferden sind zuverlässiger darin, Trainingsergebnisse zu erklären, als der Einsatz von Dominanz- und Führungskonzepten.”

Wenn es um Führung geht, „deuten mehrere Studien darauf hin, dass Führerschaft im Gegensatz zum Dogma des einen Alpha-Tiers nicht alleine dem Pferd mit dem höchsten Rang oder dem ältesten Pferd obliegt, sondern dass jedes Pferd der Gruppe als Führer auftreten kann”. Sie „entdeckten auch geteilte Führerschaft”. Und sie kamen zu dem Schluss, dass „das Verfahren der Entscheidungsfindung vor einer Fortbewegung teilweise geteilt wurde und zu einem Großteil auf Verhalten gestützt wurde, das vor dem Verlassen von mehreren Pferden gezeigt wurde”.

Die Relevanz der Dominanztheorie für Interaktionen zwischen Pferden und Menschen wird als gering angesehen, aufgrund der Komplexität der sozialen Organisation von Pferden und der Vielfalt der Faktoren, die die soziale Ordnung innerhalb einer Gruppe festlegen. Dies wird durch die Tatsache unterstrichen, dass „sich Pferdehierarchien im Wettkampf um Ressourcen offenbaren, der normalerweise im Zusammenhang mit Training und Ausbildung fehlt”. Ferner haben neueste Ergebnisse gezeigt, dass Führungsrollen in Pferdegruppen austauschbar sind, und dass Führerschaft bei Auseinandersetzung um Nahrung ungeachtet des Rangs und des Alters vorliegt. Daher kann jedes Pferd in einer Gruppe der Anführer sein.

Auch die morphologischen Unterschiede zwischen Pferden und Menschen reduzieren die Wahrscheinlichkeit, dass Pferde auf die Versuche von Menschen reagieren, Pferdeverhalten nachzuahmen. „Pferde kommunizieren untereinander mit visuellen, auditiven, olfaktorischen und taktilen Signalen… Im Gegensatz dazu findet die Kommunikation unter Menschen vor allem auf der Basis auditiver Signale über hoch entwickelte sprachliche Fertigkeiten statt.”

Auch wenn „bei Interaktionen zwischen Mensch und Pferd ein Schwerpunkt auf auditive Signale gelegt wird, in der Annahme, dass Pferde über ein natürliches Verständnis barscher Stimmen gegenüber besänftigenden Stimmen verfügen”, geht aus der neuesten Forschung hervor, dass sich die Fähigkeit eines Pferdes, eine neue, möglicherweise angsteinflössende Aufgabe auszuführen, nicht durch besänftigende Stimmsignale verbessert wurde.

„Tatsächlich ist ein bedeutendes Element der Beeinflussung der Reaktion von Pferden auf Menschen die zu den Menschen aufgebaute Beziehung.”

„Eine Beziehung kann durch eine Folge von Interaktionen definiert werden, die im Laufe der Zeit zwischen zwei oder mehr Individuen stattfinden: diese Individuen haben Erwartungen hinsichtlich der nächsten Interaktion auf Basis der Vorherigen.”

Die wissenschaftliche Forschung deutet darauf hin, dass Pferde einzelne Personen erkennen und sich an sie und die Qualität ihrer vergangenen Interaktionen erinnern, das heißt, ob die Erfahrungen angenehm oder unangenehm waren.

Pferde lernen infolge der Verstärkung, die auf ein Verhalten folgt, d. h. die Belohnung ‚richtiger’ Reaktionen, und nicht, weil sie den sozialen Rang des Menschen oder seine/ihre starken Führungsqualitäten wahrnehmen. Aus der Perspektive des Pferdes „hat es geringe ethologische Relevanz, zum quasi-dominanten Führer eines Pferdes zu werden”. Und „es ist fragwürdig, ob Pferde Menschen in ihre soziale Hierarchie einbeziehen“. Vielmehr “ist es unwahrscheinlich, dass sich der soziale Status unter Pferden bei Interaktionen zwischen Menschen und Pferden analog verwandelt ”.

 

Quellenangabe: Hartmann E, Christensen JW, McGreevy PD, Dominance and leadership: Useful concepts in human-horse interactions?, Journal of Equine Veterinary Science (2017), doi: 10.1016/j.jevs.2017.01.015

Bild: (c) Fotolia – Olha Rohulya

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