Gedanken zu Pferden

Tasthaare – warum Pferde sie brauchen

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22/07/2016

Nachdem ich mich einige Zeit von Turnieren ferngehalten hatte, habe ich gestern ein großes internationales Turnier besucht, an dem auch zahlreiche Klassen im ‚Showing‘ dargeboten wurden. Und natürlich war die Zahl der Pferde mit rasierten, gestutzten und abgeschnittenen Tasthaaren bestürzend groß.

Ich bin in Deutschland aufgewachsen, wo das Entfernen der Tasthaare tierschutzrechtlich verboten ist, und ich erinnere mich daran, wie ich bereits als junges Mädchen von den älteren Pferdeleuten beigebracht bekam, dass die Tasthaare des Pferdes ‚tabu’ sind, d.h. niemals gekürzt oder abgeschnitten werden dürfen. In dieser Welt bin ich groß geworden, und ich war, milde ausgedrückt, etwas überrascht, als ich das erste Mal der Praxis des Abrasierens und Kürzens dieser für das Pferd wichtigen Haare begegnet bin, und feststellen musste, dass dies in bestimmten Disziplinen in anderen Ländern der Standard ist. Als ich nach den Gründen hierfür fragte, bekam ich zur Antwort, dass die Pferde so ‚schön herausgeputzt‘, ‚sauber und ordentlich‘ und ‚elegant‘ aussähen.

Warum also sollten wir diese Praxis überdenken? Ihr Zweck dient alleine unserer eigenen Eitelkeit und den von Menschen festgelegten Schönheitsidealen und lässt dabei das Pferd mit seinen individuellen Eigenschaften und Bedürfnissen nicht nur außer Acht, sondern nimmt ihm die Gelegenheit, seine Umgebung auf angemessene Weise zu erkunden.

Pferde sind Tiere mit stark ausgeprägtem Wahrnehmungsvermögen, die sich auf ihre Sinne verlassen, um alle für ihr Überleben notwendigen Informationen zu erhalten. Einer dieser Sinne ist ihr Tastsinn, der auch über die Vibrissen ausgeübt wird – die langen Tasthaare am Maul und um die Nüstern sowie über und unter den Augen.

Vibrissen unterscheiden sich von anderen Haaren darin, dass sie länger und dicker sind, als das normale Fell. Sie haben eine spitz zulaufende Form und ihre Wurzel liegt tiefer in der Haut. Der Haarfollikel ist etwa fünf bis sechs Mal größer als ein normaler Haarfollikel (Andres et al. 1973), und er ist von einem mit Blut gefüllten Sinus umgeben (Rice et al 1986), der von Sinnesnerven stark innerviert ist. Jedes Tasthaar verfügt über eine identifizierbare Repräsentanz im somatosensorischen Cortex des Gehirns. Diese Zuordnung eines Teils des Cortex zu jedem Tasthaar deutet darauf hin, dass sie für die Sinneswahrnehmung enorm wichtig sein müssen und nicht aus kosmetischen Gründen entfernt werden sollten (McGreevy 2004). Es wird davon ausgegangen, dass Vibrissen einen Tastsinn übermitteln, der den der Haut ergänzt.

Pferdeauge

Pferde nutzen ihre Tasthaare, um:

  • Oberflächenstrukturen und Entfernungen zu beurteilen
  • Objekte zu identifizieren, die sie schwer visualisieren können, und die sich im toten Winkel vor und direkt unter ihrer Nase befinden, und die sie deshalb nicht sehen können
  • ihnen die sichere Fortbewegung in der Nacht zu erleichtern
  • bei der Futtersuche, beim Trinken und Fressen
  • in ihrem Sozialverhalten bei der Kontaktaufnahme mit anderen Pferden (und Menschen und Tieren)
  • den Boden zu untersuchen
  • die Entfernung von Oberflächen und Objekten in ihrer Umgebung zu ermitteln;
  • Schwingungsenergien zu erspüren, z.B. von Elektrozäunen
  • etc.

Warum also sollte man Pferden die vorstehend genannten Möglichkeiten nehmen und sie darin einschränken wollen?

Ein Argument von denjenigen, die das Abrasieren und Kürzen der Tasthaare befürworten, welches ich immer wieder höre, ist: „Ich mache dies seit Jahren und habe nie gesehen, dass ein Pferd dadurch beeinträchtigt wurde. Sie sind sehr wohl in der Lage, ohne diese zu funktionieren.“ Nun, wenn ich den ganzen Tag Handschuhe tragen muss, bin ich auch in der Lage zu funktionieren, damit klarzukommen und die meisten meiner Aufgaben in ähnlicher Weise auszuführen, wie ohne Handschuhe, dennoch ist mein Tastsinn hierdurch ohne Zweifel eingeschränkt und begrenzt. Ich kann meine taktile Wahrnehmung der Dinge, die ich anfasse und berühre, sehr viel exakter und genauer ausüben, wenn ich meine blanken Hände einsetze und Informationen über meine Haut empfange.

Zudem erleiden Pferde, deren Tasthaare entfernt wurden, öfter Verletzungen oder Wunden an Augen, Ohren und im Gesicht, da ihnen die Möglichkeit genommen wurde, festzustellen, wann sich ihr Kopf zu nahe an einem Gegenstand befindet. Und selbst wenn einige Pferde keine Schäden erleiden, bedeutet dies nicht, dass dies nicht gerade beim nächsten der Fall sein wird.

Ich empfehle, sich die Zeit zu nehmen, um Pferde und ihr Verhalten hinsichtlich des Einsatzes ihrer Tasthaare genau und bewusst zu beobachten, um deren praktischen Nutzen und Zweck zu sehen, zu erleben und damit zu verstehen.

Mir ist durchaus bewusst, dass es ‚größere’ Probleme unter Tierschutzaspekten gibt. Allerdings möchte ich gewährleisten, dass die Pferde in meiner Obhut, die beste Fürsorge erhalten, die mir möglich ist, und ich kann persönlich keine Rechtfertigung für den Einsatz einer Praxis finden, die keinen Nutzen bringt, außer dass sie der Eitelkeit dient, und gleichzeitig die Art und Weise negativ beeinträchtigen kann, in der Pferde ihre Umgebung erleben, was Stress verursachen kann und damit das Wohlergehen des Pferdes vermindert.

Aus ethischer Sicht muss das Bedürfnis des Pferdes, seine sensorischen Funktionen umfassend und uneingeschränkt zu nutzen, höher bewertet werden, als die persönlichen ästhetischen und wirtschaftlichen (da die Gewinnchancen in bestimmten Turnierklassen mit einem glatt rasierten Pferd höher bewertet werden) Interessen eines Pferdebesitzers/-reiters.

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ISABELL FREUND
IRELAND & GERMANY

Certified Equine Acupressure Practitioner