Gedanken zu Pferden

Kultur der Dominanz in der Pferdeausbildung

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30/07/2016

Wenn wir die herkömmlichen Ausbildungsmethoden betrachten, werden wir sehr oft mit Formen der Dominanz gegenüber Pferden konfrontiert, die von ihnen verlangt, sich unseren Forderungen zu unterwerfen. Beobachtet man die Reaktionen der Pferde genau, werden diese regelmäßig von subtilen (oder nicht so subtilen) Anzeichen von Stress und Angst begleitet.

Wie oft habe ich in meinen frühen Pferdejahren gehört, dass ich mich durchsetzen müsse, dass ich dem Pferd zeigen müsse, wer der Chef ist, etc. Ja, auch ich möchte eine Art ‚Führungsrolle’ einnehmen, wenn ich mit meinen Pferden arbeite, und ich möchte Entscheidungen treffen können, denen die Pferde folgen und die sie nicht jedes Mal in Frage stellen, und wenn es nur aus dem Grund der Sicherheit für mich und für die Pferde ist. Ich möchte auch, dass bestimmte Grenzen gewahrt werden, jedoch beruht dies auf Gegenseitigkeit und umfasst auch, dass ich die Grenzen der Pferde respektiere. Allerdings muss ich diese Art der Führung nicht erzwingen, sondern kann sie vielmehr schrittweise aufbauen und ihr die Entwicklung als ‚gesunde Verbindung’ zwischen zwei Individuen erlauben.  In diesem Rahmen erhalten Pferde die Gelegenheit zu erlernen, was von ihnen verlangt wird. Dabei wird ihnen ihre ‚Stimme’ und ihre ‚Persönlichkeit’ in einem Lernumfeld gelassen, das so stressfrei wie möglich ist, und dem Pferd die Möglichkeit gibt, die gestellten Fragestellungen zu verarbeiten und in einfachen, verständlichen Schritten Fortschritte zu machen.

Wir sind wahrscheinlich durch die wettbewerbsorientierten Pferdesportdisziplinen an die eher dominante Herangehensweise gewöhnt. Allerdings ist leider auch die vermeintlich pferdefreundlichere und sanftere Welt des ‚Natural Horsemanship’ nicht frei davon und hat dies möglicherweise sogar verstärkt, indem Methoden auf die Theorie gestützt werden, dass in einer Herde lebende Pferde von einem dominanten Pferd, der ‚Alpha’-Stute, etc. angeführt werden. Und dann wird diese Theorie eingesetzt bei gleichzeitiger Fehlinterpretation und Falschdeutung von Verhaltensäußerungen von Pferden, die auf Stress und Angst hindeuten.

  • Lecken und Kauen sind Anzeichen von Angst und Furcht oder dem Abbau derselben, nicht von Nachdenken und Lernen

Ich habe sehr bekannte Natural Horsemanship Trainer bei der praktischen Demonstration ihrer Methoden erlebt, wie sie über die Ängste und die Kapazität des Pferdes zum Verstehen des Geforderten hinaus Druck ausüben und dabei die Signale des Pferdes von Furcht und Stress, wie Lecken und Kauen, übersehen und/oder falsch interpretieren und sie als Zeichen des ‚Nachdenkens’ und ‚Verstehens’ bezeichnen, d.h. als sage das Pferd ‚Ich hab’s verstanden’. Wenn man tatsächlich ein paar Recherchen in das Feld der Pferdeverhaltensstudien vornimmt, lernt man schnell, dass diese Form des Leckens und Kauens in Trainingseinheiten eher ein Zeichen des Loslassens von Anspannung ist, nachdem eine stressreiche Situation beendet wurde, oder dass das Pferd einer stressreichen Situation nicht entkommen kann und auf das Lecken und Kauen als eine Art ‚Ersatzverhalten’ für die erlebte Furcht und Angst zurückgreift (vgl. beispielsweise N. Waran, The Welfare of Horses).

Mehr als einmal musste ich beobachten, wie Anzeichen von Stress unbeachtet blieben oder als Durchbruch im Lernen und Verstehen des Pferdes gefeiert und die Arbeit mit noch mehr Druck soweit fortgesetzt wurde, dass das Pferd – das aufgrund seiner Natur eher mit Flucht als mit Kampf reagiert – keinen anderen Ausweg mehr sah, als sein Unwohlsein sehr viel deutlicher zum Ausdruck zu bringen, beispielsweise durch kraftvolle Fluchtversuche, Steigen, Auskeilen, etc. Es ist erschreckend, wie Trainingsmethoden, die als schonend und im besten Interesse des Pferdes dahingehend bezeichnet werden, dass sie den Stress für das Pferd reduzieren, eine Reaktion auf Stress als Zeichen des Erfolges betrachten, anstatt als das, was sie sind: Anzeichen von Angst und Unbehagen.

e1ca287a-5d9a-476f-89ab-5abf1a1c517dWir sollten verstehen, dass die Persönlichkeit der Pferde keine ist, die nach Konflikten oder vorsätzlichem Ungehorsam sucht, sondern vielmehr eine, die Dir folgen wird, wenn Du ein sicheres und entspanntes Umfeld erzeugst, in dem Dir das Pferd als vertrauenswürdigem Führer vertrauen kann, d.h. das, was Du forderst, wird dem Pferd nicht schaden, ihm große Furcht verursachen oder es verletzen, und die Aufgaben können vom Pferd verstanden und mental und physisch verarbeitet und ausgeführt werden.

Neben Wissen und Kenntnissen und viel Erfahrung im Lesen der Körpersprache der Pferde benötigen wir sehr viel Feingefühl, um zu verstehen, wie weit wir bei der Arbeit mit einem Pferd gehen können, wenn wir an die Grenzen seiner Erfahrung in dem Sinne gehen, dass wir neues Lernen unterstützen, jedoch nicht über diese Grenzen hinaus Druck ausüben, was immer Konflikte und eine stressreiche Erfahrung für das Pferd zur Folge hat. Diese Fähigkeit zu spüren und zu fühlen kann stark entwickelt und verbessert werden, wenn wir Wege finden, um unsere eigene intuitive und sinnliche Wahrnehmung zu entwickeln, und von einem Platz der Achtsamkeit uns und dem Pferd gegenüber arbeiten.

  • Dominante Führung gibt es nicht in Pferdegruppen

Ein weiterer Irrtum in der Pferdeausbildung wird auf die Vorstellung gestützt, dass wir in der Interaktion zwischen Menschen und Pferden die ‚Alpha’-Stellung erreichen müssen, indem wir das Verhalten des Leitpferdes in der Hierarchie solcher Pferdegruppen nachmachen.

Ohne zunächst die zugrundeliegende Theorie der Hierarchie in wildlebenden Pferdeherden in Frage zu stellen, glauben wir tatsächlich, dass das Pferd nicht in der Lage ist, zu sehen, dass wir Menschen und keine Pferde sind. Aufgrund unserer körperlich eingeschränkten Fähigkeiten werden wir niemals in der Lage sein, das gesamte Spektrum der Körpersignale in der Kommunikation zwischen Pferden zu imitieren, die sich auf ihr hohes Wahrnehmungsvermögen und die Fähigkeit, potenzielle Gefahren zu erkennen, verlassen, und diese miteinander nicht nur im sozialen Kontext, sondern schlicht für das eigene Überleben kommunizieren.

Jedoch haben Forschungen auch ergeben, dass die dominante Führung auf der Basis linearer Hierarchien nicht ist, was das soziale Leben und Verhalten von Pferdeherden regelt. Es gibt keinen einheitlichen Führer, der Entscheidungen für die gesamte Gruppe trifft. Studien kamen zu dem Ergebnis, dass die Führung geteilt wird und zwischen verschiedenen Pferden wechselt (vgl. beispielsweise: ‚Is Leadership a Reliable Concept in Animals? An Empirical Study in the Horse’ http://journals.plos.org/plosone/article/asset?id=10.1371/journal.pone.0126344.PDF oder ‘Who is in the lead?’ https://pottokas.wordpress.com/observations/whos-in-the-lead/ mit weiteren Verweisen).

Außerdem müssen wir berücksichtigen, dass viele Trainingssituationen, in denen bestimmte ‚Natural Horsemanship’-Grundsätze auf der Basis von Dominanz eingesetzt werden, für das Pferd nicht nachvollziehbar sind. Aus Sicht eines Pferdes ist es unbegreiflich, warum eine Person aus unbekanntem Grund so viel Druck auf das Pferd ausübt. Dies hat natürlich zur Folge, dass das Pferd Stress und Bedrohung erlebt, vor denen es nicht fliehen kann, was unter ethischen Gesichtspunkten durchaus fragwürdig ist.

Wenn die zugrundeliegende Theorie einer Vielzahl von Ausbildungsmethoden obsolete ist, und diese Struktur nicht existiert, haben wir die grundlegende Basis dieser Ausbildungsmethoden verloren, die den Rückgriff auf Bestrafung rechtfertigte, wenn die menschliche Führung vermeintlich vom Pferd in Frage gestellt wurde, d.h. das Pferd ‚dominant’ sei, anstatt das eigene Verhalten und die eigene Vorgehensweise in Frage zu stellen und in Erwägung zu ziehen, dass unsere Forderungen gegenüber dem Pferd möglicherweise nicht klar, verständlich oder einfach zu viel waren, oder dass das Pferd Furcht oder Schmerzen hat.

Was können wir also stattdessen tun:

  • Wie wäre es vor allem mit dem Aufbau von Vertrauen und Partnerschaft?
  • Wie wäre es, uns selbst über das Lernverhalten der Pferde weiterzubilden, und wie wir dieses Wissen in ethischer und tragfähiger Weise einsetzen können?
  • Wie wäre es mit ehrlicher und authentischer Kommunikation, um ein sicheres Lernumfeld zu erschaffen?
  • Wie wäre es, das Pferd anzuleiten, anstatt Forderungen zu stellen und diese zu erzwingen?
  • Wie wäre es mit kleinen und sicheren Schritten zur Unterstützung des Lernprozesses?
  • Wie wäre es, wenn wir unsere Intuition und sinnliche Wahrnehmung vertiefen und verbessern, um ein besseres Gespür für das Pferd zu entwickeln?
  • etc.
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ISABELL FREUND
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Certified Equine Acupressure Practitioner